Kinderbuch über Wut: Sarah Roller über Gefühle, Natur und die besondere Beziehung zwischen Oma und Enkelin

Vier Kinder die in dem Buch Schwimm, kleines Boot lesen
©blackdeer photography

Wut gehört zum Familienalltag dazu. Sie kann plötzlich auftauchen, laut werden und Kinder wie Erwachsene gleichermaßen überrollen. Doch wie können Kinder lernen, mit starken Gefühlen umzugehen?

Genau darum geht es in unserem Bilderbuch „Schwimm, kleines Boot“ von Sarah Roller und Tina Nagel. Die Geschichte begleitet ein Mädchen und seine Oma durch ein Abenteuer im Wald und zeigt, dass auch schwierige Gefühle ihren Platz haben dürfen.

Im Gespräch erzählt Autorin Sarah Roller, wie die Geschichte entstanden ist, warum Großeltern für Kinder so wichtig sein können und weshalb ausgerechnet der Wald zum Schauplatz der Geschichte wurde.

 

„Besonders wenn Gefühle so stark sind, dass sie einen überrollen, brauchen Kinder einen Erwachsenen, der für sie da ist.“

Sarah Roller

Autorin Sarah Roller

Wie aus einer Idee ein Bilderbuch über Wut wurde

Charlotte: Wie entstand die Idee zu „Schwimm, kleines Boot“?

Sarah Roller: Nach „Flieg, kleiner Drache!“, in dem der Opa eine wichtige Rolle spielt, wollte ich unbedingt eine weitere Geschichte schreiben, mit einer Oma als zentrale Figur. Außerdem sollte das Kind mit der Oma ein Abenteuer in der Natur erleben.

Im Schreibprozess haben die Reime eine Eigendynamik entwickelt. Anfangs war das nicht so geplant, aber weil das Mädchen in der Geschichte alles alleine schaffen und sich nicht helfen lassen will, kam die Wut wie von selbst dazu.

Warum Großeltern für Kinder so wichtig sein können

Charlotte: In „Schwimm, kleines Boot“ spielt die Oma-Enkelin-Beziehung eine besondere Rolle. Welche Bedeutung und welches Potenzial hat diese Beziehung?

Sarah Roller: Ich bin der Meinung, dass die Großeltern durch ihre Enkel eine zweite Chance bekommen können. Sie dürfen Situationen gelassener sehen und aus einem anderen Blickwinkel betrachten, als sie es vielleicht bei den eigenen Kindern getan haben. Und zumindest die reflektierten unter ihnen können für die Kinder Vorbilder und Leuchttürme in stürmischen Zeiten sein.

Illustration aus dem Buch Schwimm, kleines Boot. Man sieht Oma und Enkelin, wie sie im Wald spazieren gehen

Wut darf sein – warum Kinder alle Gefühle brauchen

Charlotte: Der Untertitel des Buches ist „Wut darf sein“. Warum ist es aus deiner Sicht so wichtig, dass bereits kleine Kinder lernen, dass auch unangenehme Gefühle ihren Platz haben dürfen?

Sarah Roller: Gefühle gehören doch einfach zum Leben dazu – die schönen wie die unangenehmen. So auch schon zum Leben der Kleinsten. Die meisten Erwachsenen wissen mittlerweile, dass es nicht gut ist, unangenehme Gefühle zu unterdrücken. Wir bringen unseren Kindern bei, wie sie Schuhe und Jacke an- und ausziehen, sich die Zähne putzen oder das Gesicht waschen. Wieso sollten wir ihnen dann nicht auch den Umgang mit Gefühlen beibringen? Besonders, wenn sie so stark sind, dass sie einen überrollen und kaum auszuhalten sind, brauchen sie einen Erwachsenen, der für sie da ist.

Mädchen versucht wütend ein Boot zu bauen, aber es funktioniert nicht.

Warum die Geschichte im Wald spielt

Charlotte: Die Geschichte spielt im Wald. Welche Bedeutung haben die Natur, das Draußensein und das kreative Gestalten mit Naturmaterialien für dich?

Sarah Roller: In der Natur können wir ruhig werden und wieder mit uns selbst verbinden. Es ist meiner Meinung nach nicht verwunderlich, dass uns die Reizüberflutung im Alltag nervös und unruhig werden lässt. Und unsere Kinder erst recht. Wir Menschen brauchen die Natur, um immer wieder in unsere innere Mitte zu finden – davon bin ich fest überzeugt.

Wie die Illustrationen die Gefühle sichtbar machen

Charlotte: Das Buch ist wunderbar gestaltet mit den liebevollen Illustrationen von Tina Nagel. Wie hast du mit der Illustratorin zusammengearbeitet, um sicherzustellen, dass die Bilder die emotionale Entwicklung in der Geschichte optimal unterstützen?

Sarah Roller: Oh ja, Tina Nagel hat das Buch großartig illustriert. Nachdem wir den Seiten- und Szenenaufbau mithilfe eines Storyboards miteinander abgestimmt hatten, hat sie die Emotionen ganz allein in die Bilder hineingelegt. Als Illustratorin ist sie hier schließlich die Expertin. Ich als Autorin hätte ihr gar nicht sagen können, wie sie das machen soll.

Gefühle brauchen Begleitung, keine Perfektion

Kinder müssen nicht lernen, keine Wut zu haben. Sie dürfen wütend, traurig, enttäuscht oder frustriert sein. Viel wichtiger ist, dass sie Erwachsene an ihrer Seite haben, die ihnen helfen, diese Gefühle einzuordnen und damit umzugehen.

„Schwimm, kleines Boot“ erzählt genau davon: von starken Gefühlen, einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Oma und Enkelin und der Erfahrung, dass auch schwierige Momente vorbeigehen.

Wenn du nach einem Bilderbuch suchst, das Kindern einen liebevollen Zugang zum Thema Wut ermöglicht, könnte dieses kleine Boot genau das Richtige sein.

Coverabbildung: Schwimm, kleines Boot

Schwimm, kleines Boot
Geschrieben von Sarah Roller
Illustriert von Tina Nagel
Für Kinder ab 2 Jahren
Herstellung: Cradle to Cradle®
24 Seiten, 19 x 19 cm
ISBN 978-3-945677-14-8

👉 Hier findest du weitere Informationen zum Buch „Schwimm, kleines Boot“.